„Island ist der ideale Testgegner“
Die 35 potenziellen WM-Fahrer sind bis zum 27. Dezember in der Liga, im Pokal und in europäischen Wettbewerben noch im Dauereinsatz, aber der Bundestrainer steckt bereits tief in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in Polen und Schweden. Auch wenn Alfred Gislason nicht so viele Spiele besucht: „Ich lade mir die Partien lieber zuhause runter und schneide mir meine Videos zusammen, das ist effektiver als durch ganz Deutschland zu reisen. Daher bin ich vor der WM bei nicht so vielen Spielen vor Ort.“
Neben der Analyse der eigenen Spieler hat der Isländer auch den intensiven Video-Blick auf die drei Vorrundengegner Katar, Serbien und Algerien gerichtet, auf die seine Mannschaft ab dem 13. Januar im polnischen Kattowitz trifft. Vor dem WM-Start stehen noch zwei Länderspiele auf dem Programm – und auf die freut sich Gislason ganz besonders, denn Anfang am 7. Januar geht es in der ÖVB-Arena Bremen erstmals gegen seine Landsleute aus Island.
Die Partie findet am Samstag um 16.15 Uhr statt, einen Tag später folgt der zweite Vergleich um 15.30 Uhr in der ZAG arena Hannover: Bereits um 13 Uhr trifft die U21-Nationalmannschaft an gleicher Stelle im finalen Spiel eines Vier-Nationen-Turniers auf Frankreich. Karten für beide Spieltage sind unter dhb.de/tickets erhältlich.
„Es ist sehr wichtig, die letzten WM-Tests gegen einen starken Gegner zu haben. Gegen Aufbaugegner zu spielen, bringt uns nicht weiter. Island ist der ideale Testspielgegner. Sie werden uns alles abverlangen und uns vor Probleme stellen. Dann werden wir sehen, woran wir bis zum ersten WM-Spiel noch arbeiten müssen. Ein starker Gegner, hoffentlich gepaart mit zwei vollen Arenen und guter Stimmung, wird dann hoffentlich für den nötigen Rückenwind mit Blick auf die WM sorgen“, freut sich Gislason auf die letzten Tests.
Für den 63-Jährigen werden beide Partien ganz besondere Meilensteine in seiner Karriere sein: „Ich habe mich sehr intensiv damit befasst, dass ich erstmals als Bundestrainer auf meine Isis treffen werde. Das wird schon ein eigenartiges Gefühl werden. Da bin ich sehr gespannt, wie sich das anfühlt. Aber es ist einfacher bei Vorbereitungsspielen auf deine Landsleute zu treffen, als wenn es bei einem Turnier ernst wird – auch wenn es die letzten Tests vor einer Weltmeisterschaft sind. Ich kenne die Spieler bestens. Trainer Gudmundur Gudmundsson war mein Co-Trainer, als ich Island trainiert habe und dann auch mein Nachfolger.“ Von 2006 bis 2008 war Gislason Islands Nationaltrainer, nahm mit den „Wikingern“ auch an der WM 2007 in Deutschland teil.
Natürlich hat der Bundestrainer die Entwicklung „seiner Isis“ genau verfolgt – und hat gehörigen Respekt: „Island stellt eine sehr erfahrene Mannschaft mit einer sehr starken Generation, auch in der Breite. Früher gab es immer wieder Positionen, wo sie ein Überangebot an starken Spielern hatten und Probleme auf anderen Positionen, zum Beispiel im Tor – da sind sie mit dem jungen Viktor Hallgrimsson nun sehr gut besetzt. Für mich ist Island einer der Favoriten aufs WM-Halbfinale. Die EM 2022 hat schon gezeigt, dass sie sich in der Abwehr und im Angriff auf hohem Niveau stabilisiert haben. Man muss sich nur ihre Linkshänder anschauen. Für mich ist Island ein Medaillenkandidat.“
Vor allem einen Spieler hat Gislason selbst geformt: Spielmacher Aron Palmarsson, den er als 19-Jährigen zum THW Kiel holte – und der mit 22 Jahren der jüngste Zweifachsieger der Champions-League-Geschichte wurde, ehe er Kiel verließ und danach in Veszprém und Barcelona spielte, ehe er 2021 ins dänische Aalborg wechselte: „Mit Aron Palmarsson habe ich immer noch einen engen Kontakt. Er hat seinen Weg gemacht, wurde zu einem Führungsspieler für Island und seine Klubs und zu einer echten Persönlichkeit im Handball.“
Echte Kerle will Gislason auch in seiner Mannschaft sehen – und wer gegen Island mit dem Bundesadler auflaufen und im WM-Kader stehen wird, entscheidet der Bundestrainer kurz vor Weihnachten: „Am 23. Dezember werden wir unseren Kader bekanntgeben, derzeit planen wir mit 18 Spielern.“ Diese müssen aus dem 35er-Kader stammen, den der DHB Ende November an den Weltverband IHF gemeldet hat. „Bei diesen 35 Spielern gab es auf ein, zwei Positionen schon schwierige Entscheidungen. Ich hoffe, dass die drei derzeit angeschlagenen Spieler Julius Kühn, Marcel Schiller und Lukas Stutzke bis zum Start der WM-Vorbereitung wieder fit werden“, sagt der Bundestrainer.
Insgesamt ist Gislason mit dem Weg, den sein Team beschritten hatten zufrieden, sieht aber vor allem in der Defensive noch Steigerungsbedarf: „Ich denke, unsere Mannschaft hat sich gut entwickelt. Im Angriff müssen wir sehen, welche Leute uns bei der WM zur Verfügung stehen, unsere größte Baustelle ist die Abwehr, speziell der Mittelblock, da fehlt uns die Breite im Kader. Wir müssen noch eine eingespielte Formation finden und wir müssen dort einige junge Leute einbauen, aber die werden von Spiel zu Spiel immer besser. Wir müssen einfach zusammenwachsen, um in Abwehr und Angriff voranzukommen. Dieses Zusammenspiel bringt uns dann auch weiter.“
Zudem könnten die Testspiele gegen Island auch ein gutes Omen sein: Denn zum letzten Mal, als ein aus Island stammender Bundestrainer in finalen Tests vor einem Großereignis auf Island traf, gab es danach Gold: 2016, als das Team von Dagur Sigurdsson Europameister just in Polen wurde, gab es gegen die „Wikinger“ einen Sieg in Kassel und eine Niederlage in Hannover. Gislason nimmt diesen Fakt zur Kenntnis: „An 2016 denke ich aktuell nicht, aber es wäre natürlich schön, wenn sich dieser Effekt auch 2023 wieder einstellen würde.“
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